Leseprobe




Ihr Lieben!
Bisher konnte man hier nicht wirklich etwas vorfinden, nun nimmt es jedoch endlich Gestalt an.

hier kommt eine kleine Leseprobe für Euch, damit ihr das Warten besser überbrücken könnt ;)

Viel Spaß mit Alisa und Darek! Grüßt mir die Schafe <3



Frieden. Ein absolutes Gefühl von Frieden durchströmt mich genau in dem Moment, als ich die Spitze des Berges erreiche. Na ja, Berg ist übertrieben, es ist eher ein ziemlich steiler Deich. Doch das, was sich vor mir erstreckt, ist genau das, was ich mir erhofft habe. Mein Bauchgefühl hat mich nicht getäuscht. Der Außendeich erstreckt sich kilometerweit links und rechts von mir und vor mir liegt noch eine gut dreihundert Meter lange Wiese im saftigen Grün, auf der vereinzelt Schafe grasen. Und dann? Dann kommt Frieden.
Das Meer ist für mich schon immer mein Frieden gewesen, doch bei dem Anblick von diesem Glitzerwasser in der bereits tief stehenden Abendsonne und den Reflexionen der kleinen Siele im Watt gewinnt das verschwindende Wasser noch mehr an Seligkeit, als es ohnehin schon in meinen Augen verdient hat.
Der Wind verweht mir meine Haare und sie wirbeln wild um mich herum. Anschließend kleben sie an meiner feuchten Stirn und versperren mir zum Teil die Sicht auf meinen Frieden.
Ihr nervt!, schimpfe ich ihnen innerlich zu, auch wenn ich weiß, dass das meine strubbeligen Haare noch nie interessiert hat. Zum Glück scheint es niemanden zu stören, dass ich hier bin und vor allem zu dieser Uhrzeit. Es ist schon fast 21:00 Uhr, eine gute Stunde ist bereits vergangen, seit ich von meiner Unterkunft losgelaufen bin. Die Anreise ist nicht überaus anstrengend gewesen, eine Spazierfahrt war es aber ebenso wenig. Ständige Staus auf den Autobahnen, überfüllte Raststätten mit miefigen Toiletten und lautem Kindergebrüll. Was tut man nicht alles für ein neues Arbeitsabenteuer, das sich so dicht wie möglich am Meer befindet. Die Schafe grasen gemütlich kurze Grasstoppel ab und sind über den ganzen Deich und die Wiese dahinter verteilt.
Ob es wohl verrückt ist, dass ich gerade gerne meine eigentlich ganz nette Unterkunft mit dem Quartier der Schafe tauschen würde? Sicherlich ja, aber das würde ja auch zu meinem derzeitigen Gemütszustand passen. Verrückt!
Die frische Brise trägt allmählich den Duft der Nordsee heran und lässt erahnen, was sich alles auf den weiten Wellen hat anschwemmen lassen. Mit Sicherheit kann man hier an diesem Koog hervorragend frische Muscheln einsammeln – wenn man sich traut, in das gefährliche Nass zu treten. Ich kann einfach nur ganz still dastehen und die ganze Energie in mich aufsaugen, nach der ich nun so lange gesucht habe. Das Gefühl von Frieden und der Duft von Freiheit durchströmen jede einzelne Faser meines Körpers. Vom großen Zeh bis in die Haarspitzen.
Rein gar nichts kann mich nun noch umstimmen, dieses Abenteuer wirklich zu wagen. Niemand schafft es mehr, mir ein schlechtes Gewissen einzureden oder an meiner Entscheidung zu rütteln.
Ich gehöre hierher. Ans Meer, an meinen Frieden, an meine Freiheit.
Nach gefühlten Stunden, was sich aber in der Realität nur als zehn Minuten herausstellt, sollte ich mich besser wieder auf den Heimweg machen.
Heimweg. Es ist seltsam, dieses Wort zu gebrauchen, doch es wird ab jetzt so sein.
Unten an dem quietschenden Gatter angekommen, das den Deich vor unbefugten Gästen bewahren soll, fröstelt es mich nun doch ein wenig. Ich habe es kaum erwarten können, endlich oben am Deich zu stehen, dass ich nicht gemütlich spazieren gewesen bin, sondern eher mein Arbeitstempo an den Tag gelegt habe. 6,8 Kilometer bin ich gelaufen. Und die heißt es nun auch wieder zu bewältigen, obwohl es mir mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom Deich entferne, schwerer und schwerer fällt.
Ein Auto, das mir bis jetzt noch nicht aufgefallen oder das gerade erst angekommen ist, parkt genau in der Mündung vom Deichweg in den Schotterweg. Mist! Jetzt gibt es sicher doch noch Ärger. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit, mein Nacken verspannt sich automatisch und lässt die kleinen Härchen sich dort merklich aufstellen. Schließlich bin ich hier alleine, nach neun Uhr am Abend, und weit und breit ist nichts zu sehen außer Getreidefelder und Windkraftanlagen.
Na ja, … und hinter mir der Deich mit seinen Schafen, die sind ja auch noch da, denke ich wenig beruhigt. Die werden mir sicher nicht helfen, falls ich hier in Schwierigkeiten geraten sollte.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, ertönt eine ziemlich tiefe und raue Stimme hinter mir. Direkt hinter mir, nebenbei bemerkt.
„Oder ist es etwa normal für Sie, zu einer solchen Uhrzeit noch auf irgendwelchen fremden Deichen herumzuspazieren und deren Schafe aufzuschrecken?“
Langsam drehe ich mich um und kann meinen Herzschlag bis in den Unterkiefer pochen hören. Ein dicker Kloß bildet sich in meiner Kehle und macht es mir unmöglich, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
„Ich … äh …“, ist das Einzige, was ich zustande bringe, ehe mein Herz dann scheinbar komplett seinen Dienst einstellt.
Der mutmaßliche Axtmörder, den ich mir automatisch immer vorstelle, wenn ich alleine bin und das Gefühl habe, verfolgt zu werden, hat in meiner Fantasie deutlich anders ausgesehen. Ich weiß nicht, wie, aber definitiv nicht so. Eher hätte ich einen alten, verwilderten Mann, der keinerlei Skrupel hegt, einfach draufloszuschlachten, erwartet. Ich kann nicht viel erkennen, da die rote Abendsonne gerade noch über den Deich scheint und mich blendet. Somit kann ich nur den Umriss eines ziemlich großen Mannes mit wilder Mähne erahnen.
Willkommen im Club!, meldet sich meine innere Hairstylistin zu Wort und lenkt mich mal wieder ab, scheinbar bin ich nicht die Einzige mit Haarproblemen. Es ist keine gute Idee, in dieser Situation an solchen Gedanken festzuhängen.
Gerade mal ein halber Meter Abstand ist zwischen meinem vermeintlichen Axtmörder und mir geblieben, was mir somit nicht ausreichend Raum verschafft, um klar denken zu können. Ich hoffe, seine Mordlust verschwindet bei meinem verwirrten und sicherlich ziemlich unattraktiven Anblick schnell wieder.
Aber es hat ja auch keiner von einem Vergewaltiger-Axtmörder gesprochen, oder? Warum auch immer höre ich plötzlich meine eigene Stimme ziemlich brüchig und unsicher sagen: „Es waren nur drei.“ Die Gestalt vor mir tritt einen kleinen Schritt zurück und senkt den Kopf ein wenig zu ihrer Rechten.
„Drei? Drei was?“, entgegnet mir der Riese, den ich nun etwas besser erkennen kann, da ich nicht mehr ganz so stark der untergehenden Sonne geblendet werde.
„Nur drei Schafe haben den Kopf gehoben, als ich den Deich betreten habe. Mehr nicht.“
Ah! Da ist sie wieder, diese seltsame Eigenschaft von mir, manchmal Sachen wahrzunehmen, die eigentlich kaum wahrnehmbar sind, und die sich anschließend in meinem Unterbewusstsein einmeißeln. Drei Schafe haben tatsächlich in dem Moment den Kopf vom saftigen Gras gehoben, als ich oben am Deich angekommen bin.
Eines stand circa vier Meter vor mir, ein anderes war mindestens vierzig Meter entfernt auf etwa zehn Uhr und das dritte Schaf befand sich rechts von mir in zehn Meter Entfernung und auf zwei Uhr. Ich hasse diese Eigenschaft oft sehr, doch hat sie sich schon in so mancher Situation als recht nützlich erwiesen. So zum Beispiel, wenn man einen riesigen Axtmörder vor sich verwirren möchte, um entfliehen zu können.
„Na, das erklärt nun, warum Sie so selbstverständlich und mir nichts, dir nichts meine Schafe begutachten konnten. Wenn Ihnen so etwas auffällt, frage ich mich nun umso mehr, wie es sein kann, dass Sie das Schild am Tor nicht beachtet haben, auf dem ziemlich deutlich steht, dass der Zutritt für Unbefugte verboten ist.“
„Hören Sie, ich wollte hier niemanden stören, wirklich nicht. Den Deich hatte ich auch nicht vor, irgendwie zu verschmutzen. Ich wollte nur das Wasser sehen. Mehr nicht. Ich verschwinde auch jetzt wieder. Nur tun Sie mir bitte nichts. Ich wollte hier wirklich niemanden verärgern“, sprudelt es schlagartig aus mir heraus. Erst jetzt fällt mir auf, dass mein riesiger Axtmörder tatsächlich eine Axt in seiner Linken hält.
Meine Angst muss man mir deutlich anmerken können, das würde zumindest erklären, warum der Riese seinen Kopf abermals zur Seite neigt und sein Mordinstrument leicht in die Höhe hält.
„Denken Sie etwa, ich wollte Ihnen etwas damit antun? Nicht Ihr Ernst! Zu viele schlechte Krimis auf dem Weg in den Urlaub gelesen, was?“ Ich kann ein schiefes Grinsen erkennen, was einen dicht bewachsenen Vollbart verschiebt, sowie eine ziemlich kräftige Augenbraue, die sich fragend und zweifelnd nach oben zieht.
Mann, der Kerl wird immer mehr zum Sinnbild eines Heimsuchenden, geistert es durch meinen Kopf. Aber scheinbar zu einem ziemlich belustigten. Ein weiteres „Äh ... ich …“ macht meine Situation auch nicht besser. Er kommt wieder näher und greift mit seiner freien Hand nach meinem linken Ellbogen. Als ob ich an einen Stromdraht fasse, durchzuckt es mich kribbelnd im ganzen Körper. Ich werde um 180 Grad gedreht und in Richtung seines Wagens dirigiert. Bei einem VW Amarok, wie diesem hier, kann man sicher gut eine Leiche in einem Laken ordentlich auf der Ladefläche verstauen, ohne dass es seltsam aussehen würde.
„Was haben Sie vor? Ich habe doch gesagt, es tut mir leid, ich wollte Sie wirklich nicht verärgern, also lassen Sie mich bitte los!“, entfährt es mir, und flehend blicke ich zu ihm auf, seine Augen sind zusammengekniffen, sodass ich nichts außer seinen ausgeprägten, buschigen Augenbrauen wahrnehmen kann.
Warum muss es jetzt nur schlagartig so dunkel werden? Der Griff um meinen Ellbogen wird für den Bruchteil einer Sekunde verstärkt, dann prompt wieder gelockert.
„Hören Sie, ich weiß ja nicht, was Sie denken oder was Sie meinen, wonach das hier aussieht, aber Ihrem Ausdruck nach zu urteilen, muss ich einen ziemlich gefährlichen Eindruck machen mit meiner Axt. Aber keine Angst, ich habe heute nicht mehr vor, sie einzusetzen.“ Ein brummendes Lachen entweicht ihm und damit auch meine komplette Anspannung aus meinem Nacken.
„Und nun sagen Sie mir, wo Sie Ihre Unterkunft haben, damit ich Sie nach Hause bringen kann. Sie werden mit Sicherheit schon von Ihrem Mann vermisst. Nicht, dass Ihnen nachher doch noch ein Axtmörder auflauert!“, schallt es in mein Gesicht. Automatisch versteife ich mich bei seinen Worten. Ihr Mann. Mein Puls fängt wieder an zu hämmern und ich muss mich zwingen, tief ein- und auszuatmen. Positive Energie hinein, negative Energie raus. So wie ich es gelernt habe. Nichts ist in einer Stresssituation so hilfreich wie die Yoga-Vollatmung.
„Danke. Sie müssen mich nicht fahren. Ich kann auch gehen. Keiner vermisst mich und ich habe keine Eile. Ich bin gerade erst angekommen. Danke für die Bemühungen, aber nun weiß ich ja, wie ein Axtmörder scheinbar nicht aussieht. Gute Nacht“, antwortet eine mir fremde, monotone Stimme aus meinem Mund.
Offensichtlich muss ich auf Chinesisch geantwortet haben, da der Riese keine Anstalten macht, sich zurückzuziehen. Im Gegenteil. Er steht wie angewurzelt da und mustert mich eingehend, sofern ich das richtig deuten kann. Mutlos schaue ich hoch und treffe nun seinen Blick. Er merkt von alldem nichts, warum auch immer, und ich setze erneut zur Verabschiedung an: „Also. Sorry noch einmal, dass ich einfach ohne zu fragen auf den Deich gegangen bin. Ich werde das nächste Mal versuchen, diesem Drang zu widerstehen. Und nun entschuldigen Sie mich, ich muss tatsächlich los.“
Ich drehe mich um, um von hier zu verschwinden, doch werde erneut aufgehalten.
„Kommen Sie. Ich fahre Sie jetzt nach Hause, ob Sie wollen oder nicht. Ich tue Ihnen nichts, aber hier auf den verlassenen Straßen lasse ich Sie trotzdem nicht alleine laufen. Auch wenn die Gegend so friedlich wirkt, kann man sich heutzutage nie ganz sicher sein.“
„Sagt der Mann mit der Axt in der Hand?“, frage ich skeptisch.
„Ja, ausgerechnet der, denn der Axtmörder hier vor Ihnen hat lediglich einen morschen Pfahl erlegt und durch einen neuen ersetzt.“ Humor hat er ja, und mittlerweile fröstele ich doch immer mehr. Ich muss mich erst einmal wieder an die Küste gewöhnen und dass der Wind hier anders weht als weiter im Inland.
„Friedrichskoog 6“, gebe ich knapp zurück.
„Herrje, das hätte ja Ewigkeiten gedauert, dort zu Fuß wieder hinzukommen“, antwortet mir der Riese kopfschüttelnd. Mulmig ist es mir noch immer, aber irgendetwas sagt mir, dass mir nichts passieren wird. Hoffentlich hat auch dieses Mal mein Bauchgefühl recht.
„Hier“, höre ich ihn neben mir sagen, als ich zur Beifahrerseite gehe. Sein Arm streift mich, als er an mir vorbei an die Tür greift. Der Unbekannte holt anschließend eine Fleecejacke samt Daunenweste von der Ladefläche.
„Sie sehen aus, als ob Ihnen kalt ist.“
„Danke“, entgegne ich knapp.
Komisch, mir wird auf einmal ganz warm und das nicht wegen der Jacke, sondern im Gesicht. Als ich endlich auf dem Sitz im Inneren des Pick-ups sitze, umgibt mich der Geruch von Meer, Salz, frischer Schurwolle und noch etwas anderem. Was genau das ist, da bin ich mir noch nicht ganz so sicher. Aber ich denke, es ist Rosmarin. Eine wirklich seltsame, aber stimmige Würzmischung, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Die wärmende Jacke gibt den gleichen Duft von sich und hüllt sich um mich wie ein Sarong auf nasser Haut.
„Und Sie sind der Schäfer von dem Koog hier?“, frage ich mutig, sobald der Unbekannte neben mir Platz nimmt. Er sieht im eingeschalteten Wagenlicht plötzlich wesentlich jünger aus, als ich es bisher vermutet habe.
„Na ja, wenn ich von meinen Schafen gesprochen habe, kann man davon ja wohl ausgehen, oder meinen Sie nicht?“ Ohne Erklärung schaue ich peinlich berührt auf meine Hände, die ich nach Wärme suchend flach auf meine Oberschenkel gelegt habe.
„Und Sie machen Urlaub bei den alten Wilkens? Haben Sie sich das gut überlegt? Sie müssen die Tage schon echt gut verplanen, damit Gerlinde Sie nicht den ganzen Tag vollquatscht. Bei der alten Dame ist es so verdammt aufregend im Leben, das kann man gar nicht glauben. Wenn ihr Mann Heiner mal wieder seine Tabletten nicht genommen hat, kennt sie kein Halten mehr, sie schimpft wie ein Rohrspatz und im nächsten Moment erzählt sie Ihnen den neuesten Klatsch aus dem Dorf. Ob Sie wollen oder nicht. Wirklich ruhig und erholsam wird Ihr Urlaub bei den beiden sicher nicht.“ Ein flüchtiger Blick huscht zu mir rüber, als suche er nach einer Reaktion meinerseits, aber ich schaue nur aus dem Seitenfenster. Zumindest gebe ich das vor, selbst wenn ich immer wieder heimlich zu ihm linse. Meine Augen saugen die letzten hellen Flecken der Landschaft auf wie meine Lunge den Sauerstoff aus der Luft. Ich blicke zu ihm rüber und gebe nur ein vages Lächeln als Antwort. Anschließend schaue ich wieder nach draußen, ehe ich sage: „Ja, da könnten Sie recht haben, sie wirkt tatsächlich sehr speziell. Allerdings habe ich dafür gesorgt, dass mein Alltag voll genug gepackt ist und komme erst spät abends zurück, damit ich den beiden nicht so viel Arbeit mache.“ Das Auto kommt schon zum Stehen und ich blicke mich verwirrt um.
„Wir sind da. Ich denke mal, dass ich eine andere Route gefahren bin, als Sie zum Deich gelaufen sind. Daher ging es schneller. Passen Sie nächstes Mal besser auf, rechtzeitig nach Hause zu laufen, vor allem dann, wenn Sie alleine unterwegs sind“, bläut mir der Fremde ein und schaut mich dabei eindringlich an. Das Licht im Wagen geht an, als er seine Tür öffnet und ich kann an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass er es ernst meint. Als er mich nun durchdringend aus seinen hellblauen Augen anschaut, glaube ich fast, bereits vergessen zu haben, wie man atmet. Er wendet sich ab. Blitzschnell steigt er aus, und ich kann in den Scheinwerferkegeln ausmachen, wie er um das Auto geht, um mir die Tür zu öffnen. Ich blicke erst verwirrt auf die große raue Hand, die mir entgegengestreckt wird, und anschließend peinlich berührt in seine Augen. Die Iris ist wie ein blauer Fächer aufgespannt, der unendlich scheint und so klar wirkt wie das Wasser der See.
„Danke“, ist das Einzige, was ich herausbringe, und ich reiche ihm meine Hand. Seine warme Handfläche schließt sich um meine, die in Wahrheit gar nicht so klein ist, wie sie mir plötzlich erscheint. Als ich von dem erhöhten Sitz runtergleite, lande ich ziemlich dicht vor ihm und muss schnell seine Hand wieder loslassen, um mehr Abstand zu ihm zu gewinnen. Es wird mir hier langsam zu stickig, in dieser klaren Meeresluft mit dem frischen Wind, und seiner Anwesenheit. Es kommt mir gerade eher vor wie in einem Hamam als am Meer, was mir so gar nicht gefällt. Der Duft dieser Gewürzmischung wirkt auf einmal nicht mehr angenehm, sondern erdrückend, sodass ich ruckartig den Reißverschluss der Fleecejacke aufziehe.
„Ihre Jacke!“, rufe ich schon fast ein wenig zu laut und halte sie ihm beinahe bis unter die Nase, nachdem ich aus ihr geschlüpft bin.
„Gern geschehen“, antwortet er mir leicht verwirrt, als wüsste er nicht, was er damit anfangen sollte.
„Ich muss nun rein. Es ist spät. Vielen Dank noch mal fürs Mitnehmen. Nächstes Mal achte ich besser auf das Schild. Vielleicht läuft man sich ja noch mal über den Weg, dann schulde ich Ihnen ein Bier oder so. Aber hoffentlich dann ohne Axt“, grinse halbherzig vor mich hin, um schließlich flüchten zu können. Das ist definitiv schon zu viel Konversation für einen Abend gewesen.
„Mein Name ist übrigens Darek. Darek van der Bor. Ich würde mich freuen, dich noch einmal wiederzusehen. Nächstes Mal auch ohne Axt. Versprochen!“, ruft er mir nach. Schmunzelnd über diesen untypischen Namen für diese Gegend, halte ich inne, eile zurück und reiche ihm meine Hand.
„Ich bin Alisa. Alisa Schmidt. Da ich für längere Zeit bleibe, wird sich das wohl nicht vermeiden lassen“, entgegne ich reserviert, aber freundlich.
Nein, danke!, ruft es in meinem Inneren. Nun ist mein Grinsen nichts als reine Fassade. Ich mache kehrt und laufe über den Kiesweg zur Eingangstür. Zwei kleine Katzenbabys huschen schnell vor meinen Füßen entlang und verschwinden in der Dunkelheit.
Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …, zähle ich innerlich vor mir auf und beruhige somit meine Atmung, wie ich es immer mache, wenn ich jemanden oder etwas hinter mir lasse. Ich trete in meine angemietete Ferienwohnung und verschließe sie direkt wieder, ohne mich noch einmal nach Darek umzusehen. Ich lehne mich mit dem Rücken von innen gegen die Tür und lasse den Kopf an das kühle Holz sinken. Nun brauche ich nur noch eine Handvoll Schlaftabletten und eine Runde Meditation und dann kann ich endlich schlafen. Ich bete zu Gott, dass er mich endlich erhört und ich nun auch bitte für ein paar Stunden den so bitter benötigten Schlaf finde. Meine Lider sind zwar bereits schwer, meine Knöchel und Gelenke deutlich spürbar, aber Ruhe finde ich einfach nicht. Ich bin über sechs Kilometer von meinem Frieden und dem Duft der Freiheit entfernt. Das spüre ich sofort. Und es ist erdrückend.
Ich sollte doch noch mal über die Schafsweide nachdenken, dann wäre ich dem Duft wieder ganz nahe. Das Knirschen der Reifen auf dem Kies der Auffahrt verrät mir, dass ich gleich wieder alleine bin. Vierhundert Kilometer entfernt von meinem Zuhause und meiner Familie beziehungsweise dem kläglichen Rest, der davon übrig geblieben ist. Ich habe noch drei Tage, bis ich meine neue Arbeitsstelle auf Sylt antrete. Das Nötigste zum Leben bietet mir diese Ferienwohnung und ich möchte auch nicht viele Sachen mein Eigen nennen müssen. Schließlich weiß ich nicht, ob ich wirklich so lange bleiben werde, wie ich es geplant habe. Man weiß ja nie, was so alles passieren kann. Und unnötigen Ballast brauche ich nun wirklich nicht.

Nachdem ich für einen kurzen Moment verschnaufen konnte, raffe ich mich wieder auf und begebe mich ins Bad. Eine kalte Dusche wird mich wieder auf den Damm bringen und dann werde ich in mein neues Bett schlüpfen und darauf warten, dass ein weiterer Tag beginnt.

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